Dietrich Bonhoeffer (1906-1945)

 

 

 

17 Thesen zu den Fragmenten der Ethik Dietrich Bonhoeffers (1943-45)

 

Seminar Universität Mainz (Dietz SS 2005): Die Ethik Dietrich Bonhoeffers 

 

(1) Die Frage des Guten stellt sich im Blick auf die christliche Ethik nach Bonhoeffer nicht im Kontext einer Tugendlehre: Wie und wodurch werde ich gut? (Selbstvervollkommnung in Selbstbezogenheit)

 

(2) Die Bemühung des „Tugendboldes“ um ein „Gutseinwollen an sich“ verkennt die vorgängige Wirklichkeit des Guten (in personaler Gestalt) (35).

 

(3) Die Gesinnungsethik Kants verkennt, dass „eine ‚gute’ Gesinnung auf sehr dunklen Hintergründen des menschlichen Bewußtseins und Unterbewußtseins erwachsen kann“ (37). Adolf Eichmann hat sich im Laufe seiner Verhöre in Jerusalem [auf eine unsinnige und falsche Weise; UWD] auf Kant berufen (unbedingter Pflichtgehorsam). Aber auch eine Verantwortungsethik (mit Reflexion auf Handlungsertrag und –folgen; Max Scheler: „Erfolgsethik“) kann nach Bonhoeffer rein „abstrakt“ - und somit defizitär - nach dem Guten fragen.

 

(4) Die Frage nach dem Guten kann nicht unabhängig von der Offenbarung Gottes in Christus beantwortet werden.

Also „kann die Frage nach dem Guten nur in Christus ihre Antwort finden“ (33). Demnach gibt es keine von der Dogmatik unabhängige christliche Ethik. Das Offenbarsein des Guten begründet ein Sollen (vgl. Josef Pieper; 34).

 

(5) Die konkrete Frage nach dem Guten rekurriert somit auf Gottes Wille und Gebot (vgl. Karl Barth; Emil Brunner). Dieses Gebot begründet keine Heteronomie. Vielmehr gibt es „das Christliche“ nur „im Weltlichen“ (44, vgl. aber 265). „Das ‚Christliche’ ist nun nicht etwas jenseits des Menschlichen, sondern es will mitten im Menschlichen sein.“ (404)

Das Gebot Gottes hebt die Autonomie der „in ihrer Gottlosigkeit“ (!) mit Gott versöhnten Welt (405) nicht auf.

 

(6) In diesem Kontext kann die „Treue zur Erde“ - die bejahte Endlichkeit und Geschichtlichkeit - Bonhoeffer mit dem Atheisten Nietzsche verbinden. Hierher gehört auch das unbedingte Ja zur (unaufhebbaren, souveränen) Leiblichkeit des Menschen (als Gegenpol zur Entäußerungs-, Entstellungs- und Vergewaltigungstendenz einerseits sowie zur orphisch-platonischen Tendenz einer Veräußerlichung des Leibes als „Kerker“ einer unsterblichen Seele; 180).

 

(7) Die Sphären der Weltwirklichkeit (Welt, Natur, Vernunft) sind nach Bonhoeffer eingebunden in die Letztwirklichkeit Jesu Christi; keine Weltsphäre existiert „an und für sich“ (44; vgl. Kol. 1). Der Modus dieses Eingebundenseins wird bei Bonhoeffer jedoch nicht wirklich erklärt. Wie zeigt sich das Recht ihrer relativen Selbständigkeit, und vor allem: Wie wird an ihnen selbst diese Eingebundenheit in die Christuswirklichkeit sichtbar? Wie kann der Glaube der Welt eine Sicht von ihr selbst vermitteln, der gegenüber Christus nicht der schlechthin Andere ist?

 

(8) Wie zeigt sich das „Angenommensein der Welt in Christus“ (45) aus der Sicht der Welt in ihrem eignen / eigentüm-lichen Sein?

 

(9) Wenn die Welt ihren Bestand allein durch Christus hat (Kol 1,16; Joh 1,10; vgl.54), hat sie ihn dann auch allein in Christus?

 

(10) Wenn es vier institutionelle Sphären des menschlichen Lebens gibt, in denen Gottes Wille im Blick auf das In-der-Welt-Sein des Menschen konkret wird (Mandate Gottes in der Welt, vgl. 54f; 392-412), so stellt sich a) die Frage nach ihrer Geschlossenheit (Könnte es noch weitere geben?); b) die Frage nach der inneren Einheit des göttlichen Willens und Wirkens (in allen Mandaten), sowie c) die Frage nach dem Verhältnis der Mandate zueinander.

 

(11) Stellen Kirche/Amt, Familie/Ehe, Kultur/Arbeit und Staat/Obrigkeit gleichrangige und gleichgewichtige Mandate Gottes dar? Wie verhält sich das besondere Mandat der Kirche (Auftrag zur Verkündigung des Wortes Gottes) zu den anderen Mandaten?

 

(12) Wo liegt die (Selbst-)Beschränkung des kirchlichen Mandats (zur Vermeidung eines „Hineinredens“ 399), wer nimmt sie vor und legt sie fest? Wie ist von da aus die idealistische Sicht Bonhoeffers im Blick auf ein „freies Miteinander der Mandate“ (gegen eine Verabsolutierung des kirchlichen Mandates) angesichts des realen Zusammenspiels der Mächte und der geschichtlichen Entwicklung von Institutionen zu sehen (vgl. Th.10c)?

 

(13) Im Blick auf den Zusammenhang von Ekklesiologie und Ethik hebt Bonhoeffer die Bedeutung von Beichte und Kirchenzucht hervor (398ff). Welche Gestalt hätte eine kirchliche Lehre von Beichte und Kirchenzucht in der Gegenwart? Wie ist sie mit dem Selbstverständnis und den Intentionen der evangagelischen Kirche (EKD, VELKD) heute vereinbar?

 

(14) Insofern dem „Amt“ eine besondere Stellung zukommt, impliziert dies einen Verzicht, die Lehre vom Allgemeinen Priestertum als Basis für das kirchliche Amt zu beanspruchen (Ablehnung der Delegationstheorie; so auch die Lutherischen Bekenntnisschriften: weder in CA 5 noch in CA 14 oder gar CA 28 wird auf das Allgemeine Priestertum rekurriert). „An der Stelle Gottes und Jesu Christi steht vor der Gemeinde der Träger des Predigtamtes mit seiner Verkündigung. Der Prediger ist nicht Exponent der Gemeinde, sondern ... der Exponent Gottes gegenüber der Gemeinde. ... Dieses Amt ist unmittelbar von Jesus Christus gesetzt, es empfängt seine Legitimation nicht durch den Willen der Gemeinde, sondern durch den Willen Jesu Christi.“ (400)

 

(15) Wenn Bonhoeffer vom Amt spricht, so denkt er auch an das besondere Lehramt der Kirche (Pfarrer, Bischöfe). Wenn die von allen Gemeindegliedern (im Kontext des Allgemeinen Priestertums) wahrzunehmende Berechtigung und Verpflichtung, über die Schriftgemäßheit der Verkündigung zu urteilen, primär den kirchlichen Visitatoren und nicht dem „Kirchenvolk“ zukommen soll (vgl. 401), inwieweit entspricht dies dann noch der Auffassung und Intention Luthers?

 

(16) Bonhoeffer hatte nach seiner Verfrachtung in das Tegeler Gefängnis (April 1943) keine Möglichkeit mehr, das Verhältnis der Mandate zueinander explizit abzuklären, wobei nur deutlich wird, daß das „Miteinander, Füreinander und Gegeneinander der göttlichen Mandate“ (406) allein in der Herrschaft Christi gründet.

 

(17) Der Blick auf das Ganze der Ethik Bonhoeffers ist unmöglich, weil zu ihrer Vollendung noch Umschichtungen, Überarbeitungen, Ausgliederungen und Ergänzungen eingeplant waren. Die chronologische Anordnung in Band 6 (1992) liefert dabei keinen besseren Zugang zu ihrer intendierten Endgestalt als die Erstausgabe Bethges (1949; vgl. zur divergenten Manuskriptanordnung S.470; mehr oder weniger unbefriedigender Rekonstruktionsversuch der Kapitel-anordnung: s. 455). Aufgrund der „Gewalt der äußeren Ereignisse“ (456) werden Menschenleben, Geschichte und zuletzt auch Buchkonzepte deformiert und fragmentiert. Wo aus den Bruchstücken das Ganze aufscheint, zeigt sich die Gewalt der Fragmentierung machtlos gegen die eigne Stärke des Fragments. Ethik als Fragment bedeutet Unvollständigkeit, nicht Unbrauchbarkeit. In Christus hat „das Gute“ selber die Gestalt des Fragments.

 

Quelle/Seitenverweise: Dietrich Bonhoeffer: Ethik hg. v. Ilse Tödt u.a. (DBW Bd.6), Gütersloh 1992 (als Tb. 1998)

 

https://www.ev.theologie.uni-mainz.de/files/2018/04/thesen-ethik.pdf

 


 

Worthaus Pop-Up – Waldkappel: 31. Dezember 2017 von Prof. Dr. Thorsten Dietz

 

Stellen Sie sich vor, Sie lebten in einem Land, in dem Ungerechtigkeit zum Alltag gehört. In dem Menschen willkürlich verhaftet und ermordet werden, in dem Recht gesprochen wird, das eigentlich Unrecht ist. Es könnte auch Sie treffen, aber Sie könnten in ein anderes Land fliehen. Was würden Sie tun?

 

Dietrich Bonhoeffer stellte sich diese Frage kurz vor Kriegsbeginn, da war er gerade in den USA. In Deutschland wurden Menschen willkürlich verhaftet und ermordet, vor Gericht wurde Recht gesprochen, das Unrecht war, und Bonhoeffer hätte im Exil den Krieg und die Diktatur aussitzen können. Wie er sich entschied, ist bekannt. Damit könnten wir das Geschichtsbuch zuschlagen. Doch worüber sich Bonhoeffer im Gefängnis Gedanken machte, betrifft auch uns:

  • Wie sollten sich Christen und andere ethisch und moralische denkende Menschen in solchen Zeiten verhalten?
  • Sollten sie bedingungslos ihrem Gewissen folgen?
  • Wie soll das gehen in einem Land, in dem Falsches plötzlich richtig ist, das Böse gut, ein schlechtes Gewissen plötzlich ein gutes Zeichen ist?
  • Und wie verhalten wir uns eigentlich heute christlich und ethisch verantwortungsvoll?
  • In einer Zeit, in der für jeden Menschen in Deutschland dutzende Sklaven arbeiten – wenn sie auch weit weg leben. Geht das überhaupt, verantwortungsvoll zu leben?

https://www.youtube.com/watch?v=1_0IFBGrZ34

 



 

Worthaus Pop-Up – Waldkappel: 31. Dezember 2017 von Prof. Dr. Thorsten Dietz

 

Am 20. Juli 1944 überlebt Adolf Hitler ein Attentat mit leichten Verletzungen. Am selben Abend sprach er wieder aus den Volksempfängern. Er dankte der schützenden Fürsorge Gottes und bezeichnete sein Überleben als Beweis dafür, dass die Vorsehung mit ihm noch viel vor habe. Millionen Christen dankten Gott für diese Rettung. Einige Christen waren an dem Attentat beteiligt und wurden kurz vor Kriegsende dafür hingerichtet. Unter ihnen auch Dietrich Bonhoeffer. Im Gefängnis machte er sich Gedanken über das, was da gerade in der Welt – auch in der christlichen Welt – geschieht, und hinterließ einige Aufzeichnungen.

  • Wie nämlich vermittelt man den Glauben an Gott in einer Welt, in der Diktatoren Gott für ihre Rettung danken?
  • Wie vermittelt man diesen Glauben an Menschen, die Religion immer mehr für unwichtig halten?
  • Deren große Fragen an das Leben – Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? – zunehmend von der Wissen-schaft beantwortet werden?
  • Wenn Menschen mündig werden und nicht mehr der Kirche hörig sind, können sie dann noch an Gott glauben?

Sie können, glaubte Bonhoeffer. Doch dafür müssen Gott, Glaube und Christentum völlig neu gedacht und die biblische Botschaft wieder ernst genommen werden.

 

https://www.youtube.com/watch?v=IjkY6vNHI60