Das Neue Testament

 

 

 

Das Neue Testament − Gotteswort, Menschenwort oder irgendetwas dazwischen?

 

Vortrag am 22.1.2015 bei den Theologischen Tagen in Halle

 

Udo Schnelle, Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg

 

 

I. Hinführung

 

Die Auseinandersetzung mit dem Unendlichen gefährdet die Gesundheit, sagte Goethe. Abgewandelt kann man formulieren: Die Auseinandersetzung mit Gott gefährdet die Gesundheit und zwar in zweierlei Hinsicht: Lehnt man seine Existenz ab und es gibt ihn dann doch, dann könnte dies ernsthafte Folgen für die Gesundheit haben. Glaubt man an Gott, dann ist dies auch nicht ungefährlich, denn man wird in lebenslange Auseinandersetzungen hineingezogen, die auch ungesund sein können: Wie ist Gott? Gibt es ihn wirklich? Haben nicht doch die anderen Recht, die ohne Gott gut leben, dennoch oder gerade deshalb glücklich sind und keineswegs ethisch verwerflich handeln? Wenn es Gott gibt: Wie ist Gott zu denken und welche Grundlagen gibt es für mein Gottesbild? Ist die Bibel, das Neue Testament wirklich Gottes Wort oder nicht doch nur ein Text von Menschen, die vor 2000 Jahren etwas behaupteten, was heute nicht mehr glaub-würdig ist? Zeugt die zunehmende Bedeutungslosigkeit der evangelischen Kirche nicht auch von der immer geringer werdenden Relevanz und Akzeptanz des Neuen Testaments? Diese Fragen möchte ich heute Morgen mit ihnen be-denken.

 

II. Analyse

 

Dabei ist ein deutliches Unbehagen der Ausgangspunkt meiner Überlegungen. In Theologie und Kirche hat sich in den letzten Jahrzehnten eine deutlich erkennbare Beliebigkeit gegenüber der Bibel breit gemacht, ein Prozess der perma-nenten Selbstrelativierung. Das postmoderne Axiom der grenzenlosen Selbstbestimmung in allen Fragen, also auch bei der Gottesfrage und der Religion, bleibt nicht ohne Folgen. Das Vertrauen in die eigene Überlieferung schwindet. Der gegenwärtige Protestantismus gleicht heute weithin einer Offenbarungsreligion ohne Offenbarung. Richtig evangelisch ist man erst, wenn niemand mehr davon etwas merkt. In Kirche und Theologie werden nur noch – in der Regel mit hohem moralischen Pathos – Texte in Anspruch genommen, die einem gefallen bzw. in das jeweilige politisch-ethische Weltbild passen. Zugleich blendet man all jene Texte als zeitbedingt aus, die nicht oder schlecht mit dem eigenen Weltbild übereinstimmen. Jürgen Moltmann hat das so formuliert: „In dem Maße, wie das historische Bewusstsein feststellt, was Paulus als Sohn seiner Zeit zu seinen Zeitgenossen geredet hat, wird die Gegenwart von seinen Einreden frei.“ (J. Moltmann, Verkündigung als Problem der Exegese, in: ders., Perspektiven der Theologie, München 1968, 115.) Historische Relativierung bedeutet hier sachliche Relativierung. Aber was besagt das Argument der Zeitbedingtheit? Alles im Alten wie im Neuen Testament ist zeitbedingt, was denn sonst! Deshalb ist das Argument der Zeitbedingtheit das allerschlechteste, um Texten ihre Bedeutung abzusprechen. Dennoch ist es nach wie vor von großer Bedeutung; etwas ist nicht mehr zeitgemäß, das ist so etwas wie ein Todesurteil für die Eigenaussagen der biblischen Texte. Wie kann die Kirche erwarten, dass ihre Mitglieder oder gar Außenstehende die Bibel lesen und achten, wenn sie es selbst nicht mehr in einem umfassenden Sinn tut! Wenn sie gerade mit Hinweis auf die Zeitgenossen und die Zeitgemäßheit gewissermaßen das Neue Testament zur Disposition stellt; jeder möge sich nehmen, was ihm gefällt! Wenn die Bibel in ihrer Erschließungskraft auf das beschränkt wird, was man sich mit ein bisschen Verstand auch selber sagen kann. Die Bibel, besonders das Neue Testament ist aber das Fundament der Kirche. Wenn dieses Fundament brüchig und beliebig wird, fällt die Kirche – so meine Prognose ‒ ins Bodenlose.

 

III. Ursachen

 

Was sind die Ursachen für die Beliebigkeit im Umgang mit den Texten? Neben der bereits erwähnten Selbstbestimmung auch in religiösen Fragen scheinen mir bei Pfarrern/Pfarrerinnen, Lehrern/Lehrerinnen besonders die schlechten Er-fahrungen mit der historisch-kritischen Methode im Studium ein wesentlicher Grund zu sein. Die in den akademischen Lehrveranstaltungen vorgenommenen Relativierungen der Historizität und damit auch ‒ in den Augen und vor allem Herzen vieler ‒ der Wahrheit biblischer Texte hinterlässt Spuren. Vor allem, wenn dieser Prozess nicht hermeneutisch und theologisch begleitet wird; wenn es nicht gelingt, denn gerade aufgerissenen ‚garstigen Graben’ historischer Er-kenntnis theologisch wiederum zu überbrücken. Es entsteht eine innere Distanz zur Bibel, eine oft unausgesprochene Relativierung, die vornehmlich auf der Ebene der Gefühle wirkt: Ich glaube an vieles nicht mehr, was in der Bibel steht; aber darf ich das sagen?

 

Dabei steht die Notwendigkeit der historisch-kritischen Methode für mich außer Zweifel, drei Hauptgründe können kurz angeführt werden:

 

1.) Die Geschichtlichkeit der Glaubenszeugnisse. Das Neue Testament berichtet zwar von himmlischen Dingen, es ist aber nicht vom Himmel gefallen. Seine Schriften wurden von Menschen verfasst und von Menschen überliefert. So gibt es über 5000 Handschriften von neutestamentlichen Texten, aus denen der jeweilige Urtext rekonstruiert werden muss. Schon mit diesem grundlegenden Schritt befindet man sich im Bereich des historischen Fragens und Abwägens. Damit verbindet sich die unabweisbare historische Interpretation des Textes, ohne die es kein Verstehen geben kann: Wer ist der Autor einer ntl. Schrift? Wann und wo wurde sie geschrieben? Ist eine Jesus zugeschriebene Erzählung historisch zuverlässig oder gibt es Hinweise auf eine spätere Gemeindebildung? All diese Fragen ergeben sich aus der Lektüre der Texte selbst und sie werden nicht von außen herangetragen.

 

2.) Glaube und Vernunft schließen sich keineswegs aus. Gott hat als Schöpfer den Menschen auch die Vernunft gegeben und es gibt keinen Grund, diese Gabe nicht auch bei der Interpretation der Bibel anzuwenden. Es geht nicht ohne Vernunft und schon gar nicht gegen die Vernunft! Entscheidend ist vielmehr eine Einsicht der Vernunft selbst: Sie kann über die historischen Entstehungsbedingungen neutestamentlicher Schriften und über deren Inhalte urteilen, nicht aber über deren Wahrheitsanspruch und Wahrheitsgehalt! Diese entscheiden sich allein lebensgeschichtlich; d. h. ob und inwiefern der Glaube an Gott von Menschen als hilfreich für ihr Leben empfunden wird.

 

3.) Die historisch-kritische Methode kann den Glauben überhaupt nicht zerstören, weil sie dessen zentrale Botschaft ernst nimmt: In Jesus Christus wurde Gott Mensch und ging in die Geschichte und damit auch in die Relativität historischen Erkennens ein. Das Neue Testament ist zuallererst ganz und gar Menschenwort.

 

Das Recht der historisch-kritischen Methode bedeutet zugleich: Jede Form von Fundamentalismus ist keine Lösung der Probleme, sondern eine Form von Ignoranz gegenüber der historischen Wahrheit und damit eine Verschärfung der Probleme. Fundamentalisten – jeglicher Coleur - beanspruchen gewissermaßen die Perspektive Gottes exklusiv für sich und leiten daraus ihre Machtansprüche ab; das ist nichts anderes als eine Art von Selbstermächtigung, eine Unver-schämtheit! Autorität kann nicht von außen aufgezwungen werden, sondern entsteht nur durch innere Zustimmung!

(Vgl. U. Schnelle, Die ersten 100 Jahre des Christentums, Göttingen 2015.)

 

Aber die Frage bleibt: Ist die Skepsis gegenüber dem historischen Wahrhaltsgehalt des Neuen Testaments berechtigt? Meine eindeutige Antwort lautet: Nein! Dies aus zwei Gründen:

 

1.) Kein religiöses Gründungsdokument ist so genau und umfangreich untersucht worden wie das Neue Testament. Dabei hat sich in den letzten Jahrzehnten ein breiter Konsens herausgestellt: Es ist sehr wohl möglich, das Leben Jesu und seine Verkündigung in Grundzügen darzustellen. Adolf von Harnacks Diktum ‚Vita Jesu scribi nequit’ = ‚Ein Leben Jesu kann nicht geschrieben werden’, ist zutreffend, wenn man es mit dem gut dokumentierten Leben eines Thomas Mann vergleicht. Es ist aber falsch, wenn man Jesus mit anderen Gestalten der antiken Welt vergleicht – und dass muss die eigentliche Ebene sein. Wenn über Pythagoras (ca. 570-480 v. Chr.) eine Biographie geschrieben werden kann (Vgl. Chr. Riedweg, Pythagoras. Leben – Lehre – Nachwirkung, München 2002.), dann auch über Jesus von Nazareth! Über keine religiöse Gestalt der Antike sind wir so gut informiert wie über diesen Jesus von Nazareth! Er trat als Heiler, Gleichnis-erzähler und Gerichtsprophet auf und wusste sich bereits zu Lebzeiten als ‚Menschensohn’ in besonderer Nähe zu Gott. Jesus hat Gott neu und anders verkündet und nicht die rituellen Gebote, sondern die Liebe Gottes in den Mittelpunkt gestellt.

 

2.) Ostern ist die Bestätigung dieser Auslegung durch Gott selbst und so verstanden es die frühen Zeugen. Die Ge-schichte des frühen Christentums ist ebenfalls in ihren Grundzügen historisch zuverlässig zu erfassen. Es erfolgten eine Universalisierung des Gottesbildes und neue Formen des Verhältnisses des Menschen zu Gott (Stichwort: Glaube) und des Zusammenlebens von Menschen (Stichwort: geschwisterliche Gemeinschaft über Grenzen hinweg). Was bedeutet es, wenn ein Vers oder eine Texteinheit nicht auf den historischen Jesus zurückgeführt werden können? Ist damit seine gesamte Botschaft unglaubwürdig? Nein! Wenn festgestellt wird, dass der Epheserbrief nicht von Paulus stammt? Hat damit seine Rechtfertigungslehre ihren Wahrheitsgehalt verloren? Nein! Die historische Zuverlässigkeit der christlichen Überlieferung ist – vor allem im Vergleich mit anderen antiken Religionen ‒ außerordentlich groß! Das frühe Christen-tum war keine weltabgewandte, eher primitive apokalyptische Kleinst- und Randgruppe, sondern eine bewusst ex-pandierende und argumentierende Bewegung mit einem hohen Bildungs- und Reflexionsniveau. Die Sozialisation innerhalb der ersten Gemeinden vollzog sich maßgeblich durch Bildung und Literatur. Die frühen Christen traten als eine kreative literarische und denkerische Bewegung auf. Keine religiöse Gestalt wurde zuvor (und danach) so schnell und so umfassend literalisiert und denkerisch durchdrungen wie Jesus Christus.

 

Der Skeptizismus, der sich in den letzten 200 Jahren breit gemacht hat, ist zwar durch die Ablösung des altprotestan-tischen Schriftprinzips durch die historisch-kritische Methode zu erklären, aber heute in keiner Weise mehr zu recht-fertigen. Dies hat sich allerdings in der akademischen Theologie noch nicht herumgesprochen; vor allem die Systema-tische und Praktische Theologie wollen dies hartnäckig nicht zur Kenntnis genommen!

 

Hinzu kommt ein weiteres Argument: Religion ist ‒ obwohl sie durch den weltweiten islamischen Fundamentalismus immer mehr in Verruf gerät ‒ die erste und älteste Form von Weltdeutung. Jeder Mensch ist auf Weltdeutung und Sinngewinnung angewiesen. Jede Religion, jede Philosophie, aber auch jede naturwissenschaftliche Theorie und jede politische Idee ist ein solcher Deutungs- und Erschließungsvorgang, der das Leben erklären und sinnvoll gestalten soll. Insofern unterscheidet sich der Glaube zwar inhaltlich, aber nicht formal von anderen Deuteversuchen. Der christliche Glaube ist so vernünftig (oder unvernünftig) wie alle anderen Welt- und Lebensdeutungen auch. Wer verfügt über wirkliche Orientierungsfähigkeit für ein ganzes Leben? Etwa Parteiprogramme oder Werbeverheißungen oder life-style-Modelle? Etwa die Vernunft, der seit ca. 300 Jahren eine besondere Leistungsfähigkeit zugeschrieben wird? Natürlich gibt es eine technische Vernunft und Vernünftigkeiten in jeweils abgegrenzten Bereichen. Aber: Verläuft die Geschichte vernünftig? Ist der Zustand unserer Welt vernünftig? Das Gegenteil ist der Fall! Der christliche Glaube muss sich in seiner theoretischen und praktischen Leistungsfähigkeit hinter keiner anderen Weltdeutung verstecken? Wenn Skeptizismus, dann bitte auch gegenüber den anderen Versuchen und vor allem gegenüber den Zuschreibungen, die die Vernunft sich selbst gibt!

 

Was aber ist nun das Neue Testament? Zuallererst Menschwort haben wir gesagt. Im Alten Testament und im Neuen Testament (ebenso im Koran) redet nicht Gott unmittelbar selbst, sondern wir haben es mit Gottes-Bildern, Gottes-Interpretationen zu tun. Gottes-Bilder, die von Menschen stammen und deshalb natürlich verglichen und beurteilt werden können. Aber ist das alles? Schauen wir, was das Neue Testament selbst sagt.

 

IV. Das Zeugnis des Neuen Testaments

 

In der ältesten Schrift des Neuen Testaments, dem 1. Thessalonicherbrief, schreibt Paulus: „Darum danken wir Gott unaufhörlich, dass ihr das Wort, das ihr von uns als Kunde über Gott vernommen habt, nicht als Menschenwort an-genommen habt, sondern als Gotteswort, was es in Wahrheit auch ist, das in euch, den Glaubenden, wirkt“ (1.Thess 2, 13). Paulus unterscheidet hier deutlich zwischen Menschen- und Gotteswort und setzt sie zueinander ins Verhältnis. 6 Das Evangelium wird zwar durch das menschliche Wort des Apostels dargeboten, geht darin aber keineswegs auf, vielmehr begegnet es den Hörern als Wort Gottes (vgl. auch 2.Kor 4,4-6; 5,20). Der Heilige Geist bewirkt dieses Verständnis menschlicher Predigt als Gotteswort, denn so sagt Paulus in 2.Kor 3,6: „Gott hat uns zu Dienern des neuen Bundes gemacht, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“ Durch den Geist, im Geist wiederum wirkt Jesus selbst, denn: „Der Herr aber ist der Geist. Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2.Kor 3,17). Die Zustimmung zum verkündeten Evangelium, der Glaube ist ein Werk des Geistes, denn: „Niemand kann sagen: ‚Herr ist Christus!’ außer im Heiligen Geist“ (1.Kor 12,3b). Der Glaube zählt zu den Früchten des Geistes (vgl. 1.Kor 12,9; Gal 5,22). Im Glauben eröffnet sich somit eine neue Beziehung zu Gott, wird menschliche Verkündigung zum Gotteswort.

 

Ein vergleichbares Konzept findet sich bei Johannes. Im Prolog des Evangeliums (Joh 1,1-18) tritt Gott als Redender aus sich heraus; sein Wort geht jedoch weit über die bloße Mitteilung hinaus: Es ist lebenschaffendes Schöpferwort und wendet sich der Welt zu, indem es Fleisch wird. Deshalb wird Jesus Christus nicht zufällig als Logos bezeichnet. Jesus Christus ist Gottes schöpferisches, wirkmächtiges und lebenschaffen-des Wort. Wort, weil λόγος und λέγειν zusammen-gehören und schon hier die Verkündigung Jesu Christi im Evangelium mitzudenken ist. Es gilt nach Joh 14,24b: „Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.“ Aber auch im Johannesevange-lium finden wir keinen Automatismus. Obwohl Gottes Wirklichkeit irdisch gar nicht anders wahrzunehmen ist als durch Jesu Worte, lehnen sie viele Menschen ab und verbleiben im Unglauben. „Ist das nicht Jesus, Josefs Sohn, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wieso spricht er dann: Ich bin vom Himmel herabgestiegen?“ lesen wir in Joh 6,42. Auch bei Johannes ist es der Heilige Geist, der Paraklet, der ein Verstehen der Worte Jesu als Gotteswort ermöglicht: „Der Paraklet aber, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14,26). Gerade in der Situation der Bedrängnis durch die Welt machen die johanneischen Christen die Erfahrung, dass der Heilige Geist ihnen den Sinn des Wirkens Jesu und seines Fortgangs zum Vater neu aufschließt.

 

Wir haben bei Paulus und Johannes denselben Grundgedanken: Wenn das menschliche Wort der Verkündigung zum Wort Gottes wird, ist es Wort Gottes. Es ist es nicht von vornherein und nicht automatisch; nicht jedes Wort eines Paulusbriefes oder eines Evangeliums ist per se Gotteswort. Der Heilige Geist erschließt menschliches Wort als Gotteswort und verleiht ihm seinen besonderen Anspruch und seine außergewöhnliche 7 Autorität. Dies vollzieht sich in einem In- und Miteinander von Gottes Wollen und menschlicher Zustimmung. Das bedeutet auch: Wahrheit und Text sind nicht einfach identisch, sondern erst dort, wo ein Text mir zur Wahrheit wird, ist er Wort der Wahrheit. Mit dieser Verhältnisbestimmung sind die Probleme aber in keiner Weise gelöst, sondern fangen gerade erst an: Wie soll beurteilt werden, wann und wie der Heilige Geist wirkt und Worte der Verkündigung zum Wort Gottes werden? Kann das völlig unterschiedlich sein? Kann es sein, das ein Text für die einen unaufgebbares Wort Gottes, für die andern hingegen zeitbedingtes und entbehrliches Menschenwort ist und beide dafür den heiligen Geist in Anspruch nehmen? Ja, es kann nicht nur sein, sondern es ist so! Deshalb stellt sich die Frage, ob das Verhältnis von Menschen- und Gotteswort nicht noch präziser bestimmt werden kann.

 

V. Modelle der Kirchengeschichte

 

Wir haben gesehen, dass es keine einfache Identität von Gottes- und Menschenwort, Wahrheit und Text gibt. Die Wahrheit ist somit nicht einfach identisch mit dem Text, zugleich gibt es die Wahrheit nicht jenseits des Textes. Wie identifiziert man aber das Gotteswort in den vielen Menschenworten neutestamentlicher Schriften? Diese Frage hat schon viele in der Kirchengeschichte umgetrieben. Welche Kriterien ermöglichen eine sachgemäße Unterscheidung, ohne das eigene Weltbild ‒ offen oder verdeckt ‒ zum alleinigen Maßstab zu erheben?

 

Martin Luther führte ein ganzes Bündel von theologischen Kriterien ein, um die Schrift in ihrem eigenen Sinn zu interpretieren: Kriterium der rechten Schriftauslegung ist nicht mehr die Übereinstimmung mit der kirchlichen Tradition, sondern der innere Konsens der Schrift selbst; denn die Schrift ist „durch sich selber die allergewisseste die leichtest zugängliche, die allerverständlich-ste, die sich selber auslegt, die alle Wort aller prüft, urteilt und erleuchtet.“ (WA 7,97,23-24: „ipsa per sese certissima, facillima, apertissima, sui ipsius interpres, omnium omnia probans, iudicans et illuminans“.) Leitendes Auslegungs-prinzip war für Luther die Unterscheidung des Wortes Gottes in Gesetz und Evangelium (Vgl. dazu Gerhard Heintze: Luthers Predigt von Gesetz und Evangelium, FGLP 10/XI, München 1958; Gerhard Ebeling: Luther, 120-136.) An dieser Unterscheidung, die nur vom Heiligen Geist eingegeben werden kann, hing für ihn das ganze Christentum: „Nahezu die ganze Schrift und die Erkenntnis der ganzen Theologie hängt an der rechten Erkenntnis von Gesetz und Evangelium.“ (WA 7,502,34f.: „Quando autem pene universa scriptura totiusque Theologiae cognitio pendet in recta cognitione legis et Euangelii.“)

 

Das Evangelium, die Verheißung der in Jesus Christus erschienenen Gnade Gottes, kann nur da recht vernommen werden, wo zugleich das Gesetz als richtendes Wort Gottes alle menschliche Selbstgerechtigkeit und Selbstrechtferti-gung durchkreuzt. Mit der Unterscheidung von Buchstaben und Geist nimmt Luther eine weitere grundlegende Differenzierung vor. Der Buchstabe macht die Schrift zu einem drückenden Gesetz, er verdunkelt das Evangelium. Demgegenüber bewirkt der Geist die Lebendigkeit und Lebenskraft des Wortes Gottes, indem er den Menschen Gewissheit im Leben und Sterben zuspricht. Das Kriterium von Luthers kritischer Schriftauslegung ist das Evangelium von Christus, ihr Anwendungsbereich ist der äußere Wortlaut der Bibeltexte, und ihre Leitfrage ist die nach Christus. Weil die Bibel von Christus zeugt, sind die Glaubenden an sie gewiesen (Vgl. H.-J. Iwand: Luthers Theologie, München 1974, 203-223.). Es geht Luther jedoch nicht um Christus als Person, sondern um seine Lehre und seine Bedeutung für uns. „Es ist Christus nicht darum zu tun, daß man seine Person und Namen viel ehret, wie alle seine Feinde Tun, sondern seine Lehre will er geehret haben.“ 9 Deshalb ist für Luther Jesus Christus die ‚Mitte der Schrift‘. „Und daryn stymmen alle rechtschaffene heylige bucher uber eyns, das sie alle sampt Christum predigen und treyben, Auch ist das rechte prufesteyn alle bucher zu taddelln, wenn man sihet, ob sie Christum treyben, odder nit“ (WA 10 I 1,439,1-3. 10 WA DB 7,384,25-32.)

 

Neben Luther gab es natürlich weitere Modelle, das Verhältnis von Gottes- und Menschenwort zu bestimmen: Die Unterscheidung von notwendigen Vernunftswahrheiten (z.B. dass es einen Gott gibt) und zufälligen Geschichtswahr-heiten von G. E. Lessing. Die romantische Vorstellung des frühen Schleiermacher, wonach jeder Mensch mit einer reli-giösen Anlage geboren wird (F. D. E. Schleiermacher, Reden über die Religion, Leipzig 1911, 91: „Der Mensch wird mit der religiösen Anlage geboren wie mit jeder andern“.) und für die Religion gilt: „Dass sie aus dem Inneren jeder besseren Seele notwendig von selbst entspringt, dass ihr eine eigne Provinz im Gemüte angehört, in welcher sie unumschränkt herrscht“. (A.a.O., 26.) Eine Art der Unmittelbarkeit des religiösen Bewusstseins in jedem besseren, d.h. wirklich gebil-deten Menschen, der dann eigentlich gar keiner Schrift mehr bedarf, alle kosmologischen Glaubensvorstellungen hinter sich lässt und im Versöhnungshandeln Jesu den tiefsten Sinn seines Auftretens erkennt.

 

Das Programm der ‚Entmythologisierung’ von R. Bultmann trat mit dem Anspruch an, dem modernen, naturwissen-schaftlich denkenden Menschen die Botschaft des Neuen Testaments nahezubringen. „Kann die christliche Verkündi-gung dem Menschen heute zumuten, das mythische Weltbild als wahr anzuerkennen? Das ist sinnlos und unmöglich. Sinnlos; denn das mythische Weltbild ist als solches gar nichts spezifisch christliches, sondern es ist einfach das Weltbild einer vergangenen Zeit, das noch nicht durch wissenschaftliches Denken geformt ist. Unmöglich; denn ein Weltbild kann sich nicht durch einen Entschluss aneignen, sondern es ist den Menschen mit seiner geschichtlichen Situation je schon gegeben.“ (R. Bultmann, Neues Testament und Mythologie, München 1985 (= 1941)) Es gilt für Bultmann, die Mythen des Neuen Testaments, wie z. B. Jungfrauengeburt, die Wunder, die Präexistenz Jesu, das leere Grab, die Himmelfahrt oder die apokalyptische Endgeschichte nicht zu eliminieren, sondern zu interpretieren. Dies vollzieht sich mit Hilfe der exis-tenzialen Interpretation. Bultmann will das hinter der mythologischen Objektivierung liegende Existenzverständnis herausarbeiten, die existenziale Bedeutsamkeit der in die Form des Mythos gekleideten Aussagen aufzeigen. So formu-liert er den tieferen Sinn der mythologischen Predigt Jesu vom Reich Gottes so: „offen sein für Gottes Zukunft, die uns, wirklich jedem Einzelnen bevorsteht; bereit sein für diese Zukunft, die wie ein Dieb in der Nacht kommen kann, wenn

wir es nicht erwarten; bereit sein, denn diese Zukunft wird ein Gericht sein über alle Menschen, die sich selbst an die Welt gebunden haben und die nicht frei sind, nicht offen für Gottes Zukunft.“ (A.a.O., 32f. 10)

 

Hinzu kommen seit den 60er Jahren zahlreiche kontextuelle Ansätze, die den jeweils aktuellen gesellschaftlichen Ent-wicklungen die Kriterien für ihr Bibelverständnis entnehmen: Befreiungstheologie, psychologische Bibelauslegung, feministische Theologie, sozialgeschichtliche Bibelauslegung, postkoloniale, anti-imperiale Bibelauslegung, die Bibel unter dem Aspekt der gender-Gerechtigkeit, die Bibel als paradigmatische Form religiöser Lebensdeutung usw. Während bei M. Luther und R. Bultmann noch ein Ringen mit den Texten des Neuen Testaments zu sehen ist, wird bei den letztgenannten Ansätzen ziemlich offen die jeweilige gesellschaftliche Situation mit ihren angeblichen Erforder-nissen, die Zeitgemäßheit zum eigentlichen Schlüssel der Lektüre und Interpretation. Man bietet dem autonom ge-dachten Zeitgenossen einzelne Elemente des christlichen Glaubens als Deutungsangebote an – zumeist eine vom Gerichtsgedanken befreite und so weich gespülte Rechtfertigungslehre ‒ ; stets in der Hoffnung, so die Aktualität der biblischen Texte zu retten. Ist dies nicht unvermeidlich? War das nicht immer so? Genau hier liegt das Problem und genau hier muss schärfer nachgefragt werden. Natürlich fließt immer die aktuelle Situation des Auslegers / der Aus-legerin in den Verstehensprozess mit ein, es geht gar nicht anders. Aber welche normierende Bedeutung dürfen die religiösen und politischen Anschauungen der Ausleger haben? Auch die Verstehensbedingungen selbst, speziell die Vernunft und der Kontext, sind ja – wie die biblischen Texte ‒ zeitbedingt, einem Wandlungsprozess unterworfen, insofern die jeweilige geistesgeschichtliche Epoche und die sich notwendigerweise ständig wandelnden erkenntnis-leitenden Absichten das historische Erkennen bestimmen. Vor einer Relativierung ist auch die jeweilige Zeitgemäßheit nicht gefeit! Was vor 60 Jahren hochmodern war (z.B. die Entmythologisierung), ist heute längst überholt und wird vielleicht in 50 oder 100 Jahren wiederum völlig anders bewertet. Was in heute in Europa oder Nordamerika als selbs-tverständlich angesehen wird (z.B. die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare), ist es in Afrika, dem Nahen Osten oder Asien in keiner Weise. Wie also gelingt eine Zuordnung von Gottes- und Menschenwort im Neuen Testament, die zwei Extreme vermeidet: Text und Wahrheit einfach gleichzusetzen oder den Text nur als eine Form der zeit-gemäßen religiös-politischen Selbstauslegung oder religiösen Selbstinszenierung zu gebrauchen?

 

VI. Die Grundbotschaft des Neuen Testaments

 

Die erste Bedingung, um dies zu erreichen, ist: das Eigenrecht der Texte ernst nehmen und respektieren. Dies ist nicht nur das Grundaxiom der historisch-kritischen Methode, sondern es muss die Voraussetzung jeder Lektüre und jeder Auslegung sein. Hinzu kommt, was ich die Grundbotschaft des Neuen Testaments nenne: Das ist eine quantitative und qualitative Bestimmung. Ich frage, welche Glaubensaussagen sich in allen/fast allen neutestamentlichen Schriften finden. Was ist gewissermaßen der rote Faden, an dem sich theologisches Denken zu orientieren hat? Weil ich die Eigenaussagen des Neuen Testaments ernst nehme, ist das, was den neutestamentlichen Autoren wichtig war, auch

mir wichtig.

 

Zu dieser Grundbotschaft des Neuen Testaments gehören:

 

1.) Gott ist der Schöpfer und Erhalter dieser Welt, der Menschen und der Natur.

 

2.) Gott hat Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten, von den Toten auferweckt

und damit die Gottesauslegung Jesu bestätigt.

 

3.) Jesus Christus ist der Sohn Gottes, die Wahrheit und das Leben.

 

4.) Gott und Jesus Christus wirken im und durch den Heiligen Geist in dieser Welt.

 

5.) In Jesus Christus hat Gott die Welt mit sich selbst versöhnt und ruft zur Versöhnung auf.

 

6.) Jesus Christus wird am Ende der Zeiten wiederkommen.

 

7.) Alle Menschen haben sich im Gericht Gottes zu verantworten.

 

8.) Der Mensch ist nicht autonom, sondern der Macht der Sünde unterworfen.

 

9.) Der Mensch jenseits des Glaubens verfehlt das Leben.

 

10.) Der Glaube an Gott und Jesus Christus befreit hingegen von der Macht der Sünde, rechtfertigt und rettet.

 

11.) Gott ist Liebe, der christliche Glaube und Gewalt schließen sich aus.

 

12.) Jedes Leben steht unter Gottes Schutz und Fürsorge.

 

13.) Das Töten menschlichen Lebens ist untersagt.

 

14.) Der Mensch ist dazu bestimmt, als Mann und Frau in der Ehe zusammen zu leben.

 

15.) Der Glaube bleibt nicht bei sich, sondern wird in der Gemeinschaft gelebt und in der Liebe tätig.

 

In dieser Grundbotschaft des Neuen Testaments ist uns die Wahrheit des christlichen Glaubens vorgegeben. Nur der neutestamentliche Befund selbst kann die Basis und der Ausgangspunkt theologischen Denkens sein. Dass damit die erwähnten Probleme nicht einfach gelöst sind, ist unbestritten. Aber es ist gewissermaßen das Feld abgesteckt, in dem sich die theologische Arbeit vollzieht und wo diese Probleme anzusiedeln sind. Natürlich ist dies auch eine Variante des Kanons im Kanon (anders geht es nicht), die aber die ganze Breite des Neuen Testaments im Blick hat und nicht nur ein oder zwei Aspekte. Aktuell sind es vor allem zwei neutestamentliche Vorstellungen, die trotz ihrer biblischen Zeitbedingt-heit heute noch als zeitgemäß gelten, bei denen sich die meisten denkerisch und moralisch gut fühlen: die Rechtferti-gungslehre und die Liebesvorstellung. Beide sind zweifellos zentral, werden aber heute häufig in ihren ntl. Kontexten isoliert (besonders durch die Ausblendung des Gerichtsgedankens) und so stark ethisiert und anthropologisiert, dass das Evangelium zu einer rein menschlichen Botschaft wird: die bedingungslose Anerkennung des Menschen durch Gott. Kreuz und Auferstehung als Ermöglichungsgrund dieser neuen Wirklichkeit und mögliche Glaubenshindernisse kommen nicht mehr in den Blick, das Gericht über den Unglauben wird verschwiegen. Genau diese völlig unsinnige, unnötige und unbiblische Selbstzensur möchte ich mit der Grundbotschaft des Neuen Testaments verhindern.

 

Die Grundbotschaft des Neuen Testaments, das sind all jene Themen, Texte und Bereiche, die beanspruchen können,

als Wort Gottes zu gelten. Denn was sollte es sonst sein! Ob diese Worte Menschen zum Gotteswort werden, ist uns – Gott sei Dank ‒ entzogen. Auch die Fragen der Kritik und der Relativierung einzelner Aussagen der Grundbotschaft des Neuen Testaments sind hier anzusiedeln. Natürlich können Aussagen dieser Grundbotschaft infrage gestellt werden. Dies muss aber theologisch und d.h. letztlich wieder aus dem Neuen Testament selbst begründet werden. Zum Beispiel dadurch, dass zu einem Sachverhalt sich widersprechende Aussagen sich im Neuen Testament selbst finden. Was sollte sonst als Kriterium herangezogen werden? Die jeweilige gesellschaftliche oder individuelle Situation der Menschen? Die Vernunft? Die kirchliche Tradition? All das unterliegt einer ständigen Veränderung, ist manipulierbar und wurde in den 2000 Jahren des Christentums nie als Relativierungsinstanz legitimiert.

 

VI. Fazit

 

Zwei Gedanken wollte ich Ihnen nahebringen:

 

1.) Wenn das Menschenwort im Neuen Testament zum Wort Gottes wird, ist es das Wort Gottes. Natürlich: das Neue Testament ist nicht die Offenbarung, sondern das Zeugnis der Offenbarung. Zugleich gibt es aber die Offenbarung nicht jenseits des Neuen Testaments.

 

2.) Genau diesem Gedanken weiß sich das Konzept der Grundbotschaft des Neuen Testaments verpflichtet: Das Neue Testament ist die nicht nur die formale Quelle, sondern auch der inhaltliche Maßstab seiner eigenen Auslegung! Das Konzept der Grundbotschaft des Neuen Testaments lässt keine eigenmächtige Verkürzung und Manipulation der christlichen Botschaft zu und zwingt vor allem zu einer theologischen Begründung des Schriftumganges und der Schrift-kritik. Wenn dies geschieht, kann das Neue Testament, kann die Bibel wieder zum Fundament der Kirche werden.