Die Wahl zwischen Leben und Tod

 

 

Die Wahl zwischen Leben und Tod (5. Mose 30 - Lutherbibel 2017)

 

1 Wenn nun dies alles über dich kommt, es sei der Segen oder der Fluch, die ich dir vorgelegt habe, und du es zu Herzen nimmst, wenn du unter den Heiden bist, unter die dich der Herr, dein Gott, verstoßen hat, 2 und du dich bekehrst zu dem Herrn, deinem Gott, dass du seiner Stimme gehorchst, du und deine Kinder, von ganzem Herzen und von ganzer Seele in allem, was ich dir heute gebiete, 3 so wird der Herr, dein Gott, deine Gefangenschaft wenden und sich deiner erbarmen und wird dich wieder sammeln aus allen Völkern, unter die dich der Herr, dein Gott, verstreut hat.

 

4 Wenn du bis ans Ende des Himmels verstoßen wärst, so wird dich doch der Herr, dein Gott, von dort sammeln und dich von dort holen 5 und wird dich in das Land bringen, das deine Väter besessen haben, und du wirst es einnehmen, und er wird dir Gutes tun und dich zahlreicher machen, als deine Väter waren. 6 Und der Herr, dein Gott, wird dein Herz beschneiden und das Herz deiner Nachkommen, damit du den Herrn, deinen Gott, liebst von ganzem Herzen und von ganzer Seele, auf dass du am Leben bleibst.

 

7 Aber alle diese Flüche wird der Herr, dein Gott, auf deine Feinde legen und auf die, die dich hassen und verfolgen.

8 Du aber wirst umkehren und der Stimme des Herrn gehorchen, dass du tust alle seine Gebote, die ich dir heute gebiete. 9 Und der Herr, dein Gott, wird dir Glück geben zu allen Werken deiner Hände, zu der Frucht deines Leibes, zu den Jungtieren deines Viehs, zum Ertrag deines Ackers, dass dir’s zugute komme. Denn der Herr wird sich wieder über dich freuen, dir zugut, wie er sich über deine Väter gefreut hat, 10 weil du der Stimme des Herrn, deines Gottes, ge-horchst und hältst seine Gebote und Rechte, die geschrieben stehen im Buch dieses Gesetzes, wenn du dich bekehrst

zu dem Herrn, deinem Gott, von ganzem Herzen und von ganzer Seele.

 

11 Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. 12 Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? 13 Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? 14 Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.

 

15 Siehe, ich lege dir heute das Leben und das Gute vor, den Tod und das Böse. 16 Dies ist’s, was ich dir heute ge-biete: dass du den Herrn, deinen Gott, liebst und wandelst in seinen Wegen und seine Gebote, Gesetze und Rechte hältst, so wirst du leben und dich mehren, und der Herr, dein Gott, wird dich segnen in dem Lande, in das du ziehst, es einzunehmen. 17 Wendet sich aber dein Herz und du gehorchst nicht, sondern lässt dich verführen, dass du andere Götter anbetest und ihnen dienst, 18 so verkünde ich euch heute, dass ihr umkommen und nicht lange in dem Lande bleiben werdet, in das du über den Jordan ziehst, es einzunehmen.

 

19 Ich nehme Himmel und Erde heute über euch zu Zeugen: Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorge-legt, dass du das Leben erwählst und am Leben bleibst, du und deine Nachkommen, 20 dass du den Herrn, deinen Gott, liebst und seiner Stimme gehorchst und ihm anhangest. Denn das bedeutet für dich, dass du lebst und alt wirst und wohnen bleibst in dem Lande, das der Herr deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, ihnen zu geben.

 

https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/LU17/DEU.30/5.-Mose-30

 


 

Gott auf Leben und Tod

 

Die in der Moderne dominierenden Weltanschauungen des Atheismus, Naturalismus und Szientismus haben dazu geführt, dass Menschen meinen, auf den Glauben an Gott verzichten zu können oder zu müssen. Das wiederum hat dazu geführt, dass sie meinen, "das Leben" selbst an die Stelle Gottes setzen zu können. Dadurch wird dann "das Leben" verabsolutiert und der Tod verdrängt und tabuisiert. Moderne, stärker individualisierte Gesellschaften verbannen das Leiden, das Sterben und den Tod aus ihrer Mitte in soziale Randzonen wie Kliniken und Hospize und delegieren die Auseinandersetzung damit an Ärzte, Pflegende und andere Experten. In vormodernen Gesellschaften hingegen wurde der Tod nicht nur als unvermeidliches Schicksal eines jeden Menschen verstanden, sondern auch mitten in den Ehen und Familien, Gemeinschaften und Gemeinden gemeinsam getragen.

 

Es gibt kein pflanzliches, kein tierisches und kein menschliches Leben, das nicht zum Tode führt. Wir kennen nur end-liches Leben, also Lebensformen die mit dem Sterben und Tod enden. Daher kann das Leben aber auch weder das Absolute noch das höchste Gut sein. Das natürliche oder kreatürliche Leben ist endlich. Das "ewige Leben", von dem

das Evangelium spricht, gibt es nur durch Gott und bei Gott. Es meint jedoch keine magische oder übernatürliche Aufhebung des allgemeinen Schicksals aller Menschen, eines Tages sterben zu müssen, wie das oft missverstanden wird. Es bedeutet jedoch eine Aufhebung der Absolutheit des Todes im Wertehorizont der Menschen. Denn nur dann, wenn Gott das Absolute ist und weder das Leben noch der Tod das Absolute sind, können die Endgültigkeit und die Sinnlosigkeit des Todes ganz aufgehoben werden. Der Tod verliert dann seine ihm eigene Macht, allen Sinn und allen Wert im Leben der Menschen zu bedrohen und zu vernichten. 

 

Da Gott in der mythologischen Sprache der Bibel der Schöpfer "des Himmels und der Erde" ist, ist er in dieser narrativen Logik nicht nur Schöpfer und Quelle des Lebens, sondern auch "der Herr über Leben und Tod". Als solcher steht Gott dann jedoch selbst über Leben und Tod, und kann nicht mit dem Leben identisch sein. "Das Leben" ist kein Ersatz für Gott, weil man "dem Leben" weder sein Leid klagen noch ihm für alles Gute danken kann. "Das Leben" ist nämlich keine Person und also auch kein geeigneter Adressat für das menschliche Grundbedürfnis, jemandem sein Leid zu klagen oder für alles Gute zu danken. Die Verbreitung und Zunahme der psychischen Volkskrankheiten der Angststörungen und Depressionen scheint etwas mit der "Gottesfinsternis" in den säkularisierten und individualisierten Gesellschaften der Moderne zu tun zu haben. Doch die meisten Sozialwissenschaftler untersuchen diese mutmaßlichen Zusammen-hänge nicht, weil sie selbst dem modernen Fortschrittsglauben anhängen, dass die Säkularisierung ein unausweich-liches Schicksal darstellt und zu einer allmählichen politischen Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse führt.

 

Mit dem Ausdruck "Leben" kann mindestens Dreierlei gemeint sein: (A.) Das Leben im Sinne der organischen, vitalen und ökologischen Zusammenhänge auf der Erde, in die das gelebte und geführte Leben aller Menschen eingebunden ist. (B.) Das Leben im Sinne der biologischen oder vitalen Bedingungen der menschlichen Lebensführung. (C.) Das Leben im Sinne der Gesamtheit dessen, was jemand im Laufe seiner Zeitspanne tut und was jemandem im Laufe seiner Zeit-spanne widerfährt. (D.) Das Leben im Sinne des persönlichen Lebensbogens, der in der Kindheit vor einem liegt und der im Alter hinter einem liegt.

 

Dass Gott selbst "das Leben" sei und dass "das Leben" das höchste Gut sei, ist heute selbst in einigen christlichen

Kirchen ein weit verbreiteter Irrtum. Gewöhnliche säkularisierte Lebenshilfepsychologie, die jemand in einschlägigen Medien und Zeitschriften auch vorfinden kann, tritt dann traurigerweise an die Stelle der erweckenden, tröstlichen und befreienden Verkündigung des Evangeliums. Theologie gerät zur historisch-kritischen Spezialwissenschaft für einige akademische Experten, ist jedoch nicht mehr tauglich für die diakonische Arbeit, die lebensdienliche Seelsorge und die heilsame Verkündigung in den Gemeinden. Das moderne, säkulare Denken gefällt sich darin, die Existenz, Präsenz und Transzendenz Gottes zu leugnen.

 

Die Menschen können kaum noch verstehen, dass, wie und warum Gott in seiner unermesslichen Größe und Weite größer ist als alles Weltliche, das sie als endliche Menschen kennen. Weil Gott ähnlich wie das Universum nur in raum-zeitlichen, messbaren und quantitativen Kategorien gedacht wird, aber nicht in werthaften und qualitativen Kategorien, die sich dem Messbaren von Naturwissenschaft und Technik. Medizin und Ökonomie entziehen, wird es immer schwerer zu verstehen, wieso Gott das Größte, Schönste und Erhabenste ist, über das hinaus nicht Größeres, Schöneres und Erhabeneres gedacht werden kann. Wir sind dann eher geneigt, uns nur noch für ein unbedeutendes Staubkorn im schier unendlichen Universum zu halten als für ein mit potentieller Freiheit, mit sprachlichem Geist und mit einer unter irdischen Realbedingungen einmaligen Würde ausgestattes "Ebenbild Gottes".

 

Gott ermöglicht jedoch auch nur dann die Selbstranszendenz der Menschen vom wirklichen zum wahren Menschsein, wenn er von den Menschen als Transzendenz geachtet und gedacht wird. Wenn es im 5. Buch Mose 30 heißt, dass Gott die Menschen vor die Wahl zwischen Leben und Tod gestellt hat, und ihnen rät, das Leben zu wählen, dann bestätigt das die Transzendenz des allmächtigen und allbarmherzigen Schöpfers und die abhängige und verletzliche Geschöpflichkeit der Menschen. Denn nur ein transzendenter Gott kann die Menschen, die er selbst als sterbliche Lebewesen geschaffen hat, vor eine solche ungeheure Wahl stellen. Transzendenz bedeutet jedoch nicht, sozusagen nur als ein fernes und fremdes Wesen in einer anderen, raum-zeitlichen "Hinterwelt" jenseits von dem uns kaum bekannten raum-zeitlichen Universum zu existieren. Transzendenz schließt Präsenz im Hier und Jetzt unserer gemeinsamen Lebenswelt nicht aus.

 

Gott wird in den modernen, säkularen Gesellschaften meistens nur noch als ein Aspekt oder Moment des endlichen menschlichen Lebens und der "bloß" persönlichen Lebensführung gedacht. Der Glaube an Gott wird sozusagen in ein Ghetto oder Reservat für angeblich "geistig minderbemittelte" Menschen verbannt, die aus irgendwelchen persönlichen Gründen "immer noch" an Gott glauben (müssen), weil sie von diesen angeblich überhohlten "alten Geschichten" ein-fach nicht loskommen (können), obwohl es die ach so aufgeklärten Wissenschaftler doch eigentlich schon so lange so viel besser wissen. Dieser in ein Ghetto oder Reservat verbannte Glaube an Gott, wird zwar gerade noch von der säku-larisierten Mehrheitsgesellschaft toleriert, aber es handelt sich nur noch um einen verzwergten Götzen, einen magi-schen Talisman für die Grenzsituationen des menschlichen Lebens, aber nicht mehr wirklich um Gott.

 

Wenn der Glaube an Gott der Juden, Christen und Muslime nur eine lebensdienliche Funktion des menschlichen Lebens wäre und nur als probates Mittel zum besseren Gelingen dieses menschlichen Lebens dienen würde, dann würde es sich nicht mehr wirklich um den Glauben an Gott handeln, sondern nur noch um einen neuen menschlichen Götzendienst, wie der alte Kult um Baal oder um den Mammon. Sozial instrumentalisierter Glaube, der nur noch der persönlichen Psychohygiene, dem sozialen Zusammenhalt oder gar der jeweiligen Regierung dient, ist jedoch bereits Abfall von wahren Glauben. Die derzeitige Funktionalisierung von probaten Versatzstücken des jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens für politische Zwecke im Verbund mit nationalistischer und traditionalistischer Propaganda ist meistens auch nur ein verzweifelter Versuch, die psychische Radikalisierung, die soziale Tribalisierung, den übersteige-rten Individualismus und den schleichenden "Werteverfall" in den modernen und säkularisierten Gesellschaften aufzu-halten.

 


 

100 Jahre Jenseits des Lustprinzips

 

Audioserie zum Jubiläum der bedeutenden Abhandlung von Sigmund Freud

 

Sigmund Freuds "Jenseits des Lustprinzips" wurde 1920 veröffentlicht und führte wichtige psychoanalytische Begriffe wie den Todestrieb und den Wiederholungszwang zum ersten Mal systematisch ein. Das Werk ist umstritten, hat Kontroversen ausgelöst, bis hin zu Positionen, die vor dem Text geradezu warnen. 100 Jahre später haben wir eine dreiteilige Audioserie produziert, die dem Werk selbst, den Kontroversen und seinen Lesarten auf den Grund gehen.

 

https://www.ipu-berlin.de/100-jahre-jenseits-des-lustprinzips/

 





 

Morgan Scott Peck, Der wunderbare Weg

Eine neue spirituelle Psychologie

München: Goldmann 2005